Arbeitsansatz

Inspiration

S T A D T L A N D S C H A F T E N   -   G A B R I E L E   D R E X L E R

Szenen aus der Stadt, Szenen auf der Straße – das sind die Themen, die Gabriele Drexlers „Fahrbilder“ bestimmen. „Fahrbilder“, das heißt: Die Künstlerin bereist deutsche Städte, Berlin zum Beispiel, Cottbus, Leipzig, Dresden oder natürlich ihre Heimatstadt München, setzt sich in die Trambahn und den Bus und skizziert die Eindrücke, die sich bei diesem Fahrerlebnis dem Auge bieten. Das sind zwangsläufig flüchtige Szenarien: der Straßenverkehr, eilige Passanten, aber auch Fassaden, Hochhäuser, moderne Geschäftsbauten, alte Kirchen und Stadtpalais – die Zeugen der Geschichte, die in unseren Städten noch gegenwärtig sind, vermischen sich mit dem anscheinend von der Historie abgelösten Alltagsleben.

Diese Themen und ihre Art der Darstellung verlangen nach einem ganz eigenen Stil: Er besteht in einer tempobetonten seriellen Malerei, die von den Motiven gleichsam angetrieben wird. So entstehen Bilder von starker Farbigkeit und einem Rhythmus, der dem dynamischen Leben der modernen Stadt entspricht. In einem virtuosen Spiel mit Abstraktion und Gegenständlichkeit gelingt es Drexler, aus dem Widerspruch zwischen ihrem Thema, Tempo und Dynamik, und ihrer künstlerischen Ausdrucksform, dem Bild, eine spannungsreiche Ästhetik zu gewinnen.

Bewusst schöpft Gabriele Drexler dabei aus den vielfältigen Möglichkeiten einer langen europäischen Maltradition, die über die Postmoderne und Moderne bis weit zu den alten Meistern zurückreicht. Vertraut mit diesen Malstilen, scheut sie sich nicht, im Rückgriff darauf handwerkliches Können zu beweisen und aus der Überlieferung eine eigene und unverwechselbare Handschrift zu formen.

Drexlers erster „Deutschlandzyklus“ besteht vor allem aus Städten der neuen Bundesländer und wird durch einen Zyklus des alten Westdeutschlands abgerundet werden. So erforscht Drexler Geschichte und Gegenwart ihres Landes – in ihren Bildern spiegelt sich ein von allem „Vaterlands“-Pathos befreites, nach zeitgemäßer Identität suchendes Heimatgefühl, das auch den Betrachter zu der Frage anregt: Was heißt Heimat in einer globalisierten Zeit?


Bernhard Viel ist Kulturjournalist und Schriftsteller, seine Bücher erscheinen bei den Verlagen Matthes & Seitz und C.H.Beck

 

B E R E D T E  B I L D N I S K U N S T  -   Ö L P O R T R A I T S  VO N
G A B R I E L E   D R E X L E R


Die Künstlerin Gabriele Drexler widmet sich seit 2012 verstärkt dem Adeligen- und Prominentenporträt. So steht zu Beginn ihrer Auseinandersetzung mit dem altehrwürdigen Genre (schon die Ägypter führten das Porträt zu einer ersten Blüte) das Gemälde der Opernsängerin Ann-Kathrin Naidu. 2013 ist nun eine Reihe von Arbeiten entstanden, welche Drexlers unablässiges Bemühen auf bemerkenswerte Weise vor Augen führen, die porträtierte Person nicht einfach nur abzukonterfeien, sondern ihre Persönlichkeit zu erfassen. Schließlich lässt sich das Wort Porträt (lat. protrahere = vorziehen) mit „ans Licht bringen“ oder „entdecken“ übersetzen.

Über die Jahrhunderte hat sich die Gattung nach der Zahl der Porträtierten, deren Kopfhaltung und nicht zuletzt nach dem Personenausschnitt ausdifferenziert. Erweitert um Bildnisse von Freunden und Familienangehörigen (siehe u.a. die Gemälde „Elke“, „Marie und Nancy“ sowie „Tom“) zeigen die jüngsten Werke eine Malerin, die die gesamte Bandbreite an künstlerischen Darstellungsformen spielerisch für sich zu nutzen weiß. Gabriele Drexler variiert zwischen Einzel- und Gruppenporträt, entscheidet sich mal für die Ganzfigur, ein anderes Mal für die Halbfigur oder das Kniestück. Die Dargestellten können den Betrachter frontal anblicken und ihn somit offensiv bis aggressiv zum Dialog herausfordern. Oder die Künstlerin lässt sie an ihm vorbeiblicken, schafft so Intimität - je nachdem welchen Blickwinkel sie einnimmt und wie sehr sie die Köpfe ihrer Modelle dreht, wird eine andere Wirkung erzielt.

Dieter Dorn, der langjährige Intendant der Münchner Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels, sitzt für Gabriele Drexler mehrmals in ihrem Münchner Atelier Modell. Ölskizzen auf Papier entstehen als Vorstufen zu dem Leinwand-Porträt. Dieses zeigt den Porträtierten schließlich als selbstbewusste und in sich ruhende Künstlerpersönlichkeit. Die unterschiedlichsten, pastos aufgetragenen Blautöne beherrschen das Gesamtkolorit. Einzig und allein die Augen des 77jährigen - zwei kleine, runde, schwarze Kugeln - stechen hervor: Dorns durchdringendem Blick kann sich der Betrachter nur schwerlich entziehen.

Den Schauspieler Fritz Wepper hat die Malerin nicht ins Atelier gebeten, sondern am Tresen porträtiert. Das Bild, das Wepper in einem blau-lila changierenden Anzug auf einem Barhocker zeigt, ist ehrlich, direkt und schonungslos. Die Komposition weist nichts Beschönigendes auf. Im Zentrum steht, wie schon bei Dorn, nicht der Körper des mit schwungvoller Strichführung Porträtierten, sondern dessen Gesicht, vor allem die Augenpartie. Wepper schaut den Betrachter aus zwei rötlich unterlaufenen Höhlungen an (blickt er uns überhaupt an oder schaut er durch uns hindurch?), die aus einem teigigen Gesicht herauslugen. Es ist ein erschöpfter Blick, der gleichzeitig von einem bewegten Leben erzählt.

Von ganz anderer Herangehensweise und Machart sind die Porträts, die Gabriele Drexler von internationalen Künstlern oder hohen Amts- und Würdenträgern anfertigt. Stets findet hier eine spannende Verformung mehrere Medien statt: Eine Rückbuchstabierung vom Internet über die Fotografie hin zum Gemälde. Bilder, die die Künstlerin im World Wide Web aufstöbert, werden in einem ersten Schritt abfotografiert und dienen in einem zweiten Schritt als Vorlage für ihre Porträts. Was am Ende des mehrstufigen Arbeitsprozesses von den gestochen scharfen, hochauflösenden (Internet)Fotografien übrig bleibt, ist pure Atmosphäre. Eine forsch voranschreitende und entschlossen-angestrengt dreinblickende Kanzlerin Merkel, gefolgt von einer dreiköpfigen männlichen Entourage (im Hintergrund erkennt man noch die Politikerlimousinen) symbolisiert nur eines: Macht. Wir erfahren weder Zeitpunkt noch Ort, an dem das Originalbild geschossen wurde. Was auch unerheblich ist. Gabriele Drexlers großformatig ausgeführtes Bild benötigt nicht den exakten Verweis auf einen Politiker-Gipfel, sondern es fängt generell die Aura der Macht ein, wie sie wichtige Entscheidungsträger umgibt.

Von Lucian Freud, dem wir mitunter die eindrücklichsten (Selbst-)Porträts in der Kunst des 20. Jahrhunderts verdanken, ist der Ausspruch überliefert: „Meine Porträts sollen dem Menschen entsprechen, nicht ihm ähneln.“ Gleiches lässt sich über die beredte Bildniskunst von Gabriele Drexler sagen.


Florian Welle ist Kulturjournalist und Autor und schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung.